Fast eine Zitrone
Ich hab dich einmal schlagen gehört,
so leise, dass niemand die Stille zerstört.
Ein kleines Herz, verborgen in mir,
und plötzlich gehörte die Zukunft zu dir.
Du warst eine Himbeere, winzig und klein,
doch konntest schon alles für mich sein.
Ich zählte die Wochen und stellte mir vor,
wie irgendwann deine Stimme mein Schweigen durchfror.
Ich wollte deine kleinen Finger zählen,
dir singend von Sternen und Träumen erzählen.
Ich wollte mit dir durchs Wohnzimmer drehen,
und irgendwann meine Augen in deinen sehen.
Dann warst du eine Pflaume, so klein und so still,
bald Zitrone, wie es der Kalender will.
Ich kannte für jede Woche dein Maß,
doch niemals dein Lachen, dein Weinen, dein Spaß.
Ich hatte dir Schuhe mit Schleifen gekauft,
für Füße, die niemals durchs Leben gelaufen.
Sie warten noch immer, so makellos klein,
als könnten sie irgendwann doch deine sein.
Ich wollte dich halten, nur einmal ganz nah,
dir sagen: „Ich bin deine Mama. Ich bin da.“
Doch meine Arme blieben erschreckend leicht,
weil Liebe allein manchmal leider nicht reicht.
Ich weiß nicht, ob deine Augen wie meine gewesen,
ob du später gern getanzt oder heimlich gelesen.
Ich weiß nicht, wie deine Locken wohl wären,
ob sie sich wie meine gegen Bürsten wehren
Ich hätte deinen Namen ins Dunkel gesungen,
hätte mit dir gelacht und um Worte gerungen.
Ich hätte mich schützend vor alles gestellt,
doch konnte dich nicht einmal halten auf dieser Welt.
Heute wärst du gekommen, heute wärst du hier
, ganz klein auf meiner Brust, ganz nah bei mir.
Ich hätte deinen Namen zum ersten Mal gesagt,
und mich kaum zu atmen und zu blinzeln gewagt.
Kleine, ich weiß nicht, wohin Liebe geht,
wenn der Mensch, dem sie gehört, nicht mehr vor einem steht.
Vielleicht bleibt sie einfach und wartet in mir,
auf ein kleines Mädchen, das niemals kommt durch die Tür.
Und fragt mich einmal jemand nebenbei,
ob ich denn eigentlich schon Mutter sei,
dann sag ich wohl „Nein“ und lächle dabei,
denn für diese Wahrheit sind Worte zu klein.
Kommentar hinzufügen
Kommentare